OLNO 2019/20 – großer Doppelbericht zur 3. und 4. Runde

„Von guten und weniger guten, ausgebliebenen guten und ausgefallenen Zügen sowie großzügigen und überraschenden Reaktionen“

 

Greifswalder Weihnachtsmarkt auf dem historischen Marktplatz. (Foto und Text: Heinz Uhl)

 

Bei der ERSTEN wird es langsam zur Tradition, über den Verlauf der Mannschaftskämpfe in der Oberliga anstelle einer spieltäglichen Berichterstattung jeweils im Rahmen eines ausführlichen Doppelberichts in Intervallen von zwei Runden zu berichten; was durchaus verständlich erscheinen mag, wenn – wie auch jetzt wieder – in ebenso schöner Regelmäßigkeit ein Auswärtssieg auf eine Heimniederlage folgt. Nichtsdestotrotz soll diese Serie natürlich schon beim nächsten Heimspiel in Runde 5 gegen Kreuzberg keine Fortsetzung mehr finden.

Nach unserem souveränen 7,0:1,0-Auswärtssieg bei der SG Brandenburg in Runde 2 war dies beim letzten Heimspiel gegen die 3. Mannschaft der Schachfreunde in Runde 3 leider noch nicht der Fall. Dankenswerterweise hat sich Kai dennoch bereit erklärt, diesen Mannschaftskampf wie folgt zu rekapitulieren:

 

Runde 3: ERSTE – Schachfreunde III 3,0:5,0 (Bericht von Kai-Gerrit Venske)

Das Ergebnis klingt nach einem ungefährdeten Favoritensieg. Der war es vielleicht am Ende, doch zwischenzeitlich sah es richtig gut für uns aus – bekanntlich der beste Nährboden für eine Niederlage.

Schachfreunde III war – durchaus überraschend – in Stammaufstellung angetreten. In den ersten Stunden zeichnete sich eigentlich noch gar nichts Konkretes ab und wenn, dass es uns gelang, an einigen hinteren Brettern und vor allem an den Weißbrettern Vorteile zu erspielen.

Besonders Stefan (Brett 8) hatte gegen Daniel Weber klaren Vorteil, da er dem Gegner einen ziemlich offenen König und Felderschwächen an dessen Flanke zugefügt hatte. Martin (Brett 6) konnte gegen Felix Nötzels schwachen gegnerischen Bauern auf e3 zu Felde ziehen. Auch Heinz an Brett 4 hatte sich nach eigenem Bekunden gegen FM Udo Hoffmann Vorteile erspielt. Und Achim (Brett 2) war wie bereits im Brandenburg-Kampf eindeutig am Drücker – nur mit dem Unterschied, dass er sich diesmal den Sieg nicht nehmen ließ und verdient gegen FM Christoph Nogly gewann.

Auch Ingo (Brett 5) konnte gegen FM Stefan Brettschneider wohl klaren Vorteil erzielen, aber fand keine gewinnverheißende Fortsetzung. Am Ende blieb nur ein Remis durch Zulassen einer Zugwiederholung. Ich hatte an Brett 3 gegen FM Dr. Joachim Wintzer lange Zeit passabel mitgehalten. Letztendlich hatte er aber immer leichten Vorteil. Justament, als sich dieser nach einem Abtausch auflöste, wähnte ich eine aktive Lösung, die mir sogar Gewinnchancen hätte eröffnen können. Aus plötzlicher Sorge, Linien zu öffnen, und mit massiv schwindender Zeit spielte ich jedoch zunächst zu passiv, dann panisch und verlor schließlich schnell. Hendrik an Brett 1 stand unter Druck. Bei Martin kippte die Stellung, was einer der wesentlichen Wendepunkte dieses Matches war. Auch Heinz griff fehl und verlor.

Bei Micha war an Brett 7 gegen Frank van Hasselt nicht mehr als ein Remis zu holen. Und auch Stefans Gegner kämpfte unverdrossen weiter und konnte mit viel Glück am Ende trotz materiellen Rückstandes noch ein Remis herausholen, wobei er sich Stefans windige Königsstellung und dessen am Ende starken Zeitverbrauch zunutze machen konnte.

Als letzter spielte traditionell Hendrik. Er hatte um der Aussicht auf Gegenspiel willen einen Bauern gegeben und wurde am Ende zumindest mit einem Remis gegen Dr. Andreas Modler belohnt.

Fazit: 3,0:5,0 gegen die am Ende cleverere und von daher auch bessere Mannschaft.

 

Keine zwei Wochen später verlief unsere Reise zum Auswärtsspiel in Runde 4 nach Greifswald zunächst ebenso wenig erfreulich: Infolge eines Schienenbruchs fiel die S-Bahn aus, mit der Hendrik und Kai vom Süden aus zum Bahnhof Gesundbrunnen fahren wollten, sodass sie am vereinbarten Treffpunkt dort nicht pünktlich erscheinen konnten. Also mussten sich Achim, Ingo, Josef, Martin und der Verfasser dieses Berichts ohne die beiden auf den Weg nach Bernau aufmachen, um den dortigen Anschluss an den Regional-Express zu erreichen. Dies erschien geboten, um die im restlos ausgebuchten Hotel in Greifswald reservierten Zimmer rechtzeitig in Empfang nehmen zu können.

Im Hotel wurde der verbliebene Teil der Reisegruppe aus Berlin dann von Manfred und Michael (Klaus-Michael Hansch) begrüßt, denen beide an dieser Stelle noch einmal ein großer Dank für ihren nicht als selbstverständlich zu bezeichnenden Einsatz ausgesprochen werden soll: Manfred war kurzfristig für einen anderen Spieler eingesprungen. Eigens dafür hatte er seinen Urlaub auf Rügen um einen Tag verkürzt und war von dem zufälligerweise ebenfalls zuvor dort weilenden Michael (siehe hierzu den nachstehenden Bericht) hergefahren worden, der auf seiner Heimfahrt von Rügen noch eine Nacht in Greifswald dranhängte und so nach dem Spiel am nächsten Tag auch noch einen Teil der Mannschaft in seinem Pkw nach Berlin mitnehmen konnte.

Beim Check-In im Hotel musste der Verfasser dieses Berichts schließlich mit leichter Verwunderung zur Kenntnis nehmen, dass ihm eine Auskunft über die Nummern der reservierten Zimmer, die er sich zur Sicherheit notieren wollte, mit Ausnahme der seines eigenen Zimmers unter Berufung auf Datenschutzgründe verweigert wurde – immerhin hatte er doch selbst im Vorfeld die Reservierung aller Zimmer unter seinem Namen vorgenommen. Im Anschluss führte uns ein kleiner Stadtrundgang unter anderem auch zum größten Museumshafen Deutschlands. Mit den Typ-Bezeichnungen der dort liegenden historischen Segelschiffe lag Michael in den meisten Fällen richtig und er konnte uns auch noch das eine oder andere Detail über die Bauweise der Schiffe vermitteln.

Dies ist Hendrik und Kai entgangen, die zwei Stunden später mit dem nächsten Regional-Express nach Greifswald nachreisten, nachdem sie den Anschluss an den vorherigen in Bernau nur um wenige Minuten verpassten. Immerhin sind sie so während der Wartezeit in einem Café in der Altstadt von Bernau ihrem Vernehmen nach in den Genuss hervorragender Torten gekommen. Pünktlich zum gemeinsamen Abendessen im uns bereits von früheren Auswärtsspielen sowohl in Greifswald als auch Stralsund wohlbekannten Braugasthaus „Fritz“ waren wir dann alle vereint. Im Anschluss daran ließen wir den Abend mit einem Besuch des Greifswalder Weihnachtsmarktes auf dem historischen Marktplatz noch gemütlich ausklingen.

 

Der große Weihnachtsbaum auf dem Greifswalder Weihnachtsmarkt und im Hintergrund die Wohnspeicherhäuser „Markt 11“ und „Markt 13“ im Stil der Backsteingotik aus dem 14. bzw. 15. Jahrhundert; im rechten der beiden Häuser befindet sich der Braugasthof „Fritz“. (Foto und Text: Heinz Uhl)

 

So war es im Nachhinein dann auch nicht mehr allzu ärgerlich, dass der spätere Regional-Express im Gegensatz zu dem früheren zur Gewährung des Anschlusses in Bernau eine dort erst kurz nach seiner fahrplanmäßigen Abfahrtzeit eintreffende S-Bahn aus Berlin noch abwartete. Der Verfasser dieses Berichts hatte zudem im Vorfeld in weiser Voraussicht ein Quer-durchs-Land-Ticket für fünf sowie ein weiteres für zwei Personen erworben, anstatt hierbei eine Aufteilung auf vier und drei Personen zu wählen. So konnten wir das Ticket für zwei Personen in einem Buchladen im Bahnhof von Bernau für Hendrik und Kai hinterlegen, sodass diese sich kein neues Ticket kaufen mussten.

Hier nun ein Bericht von Manfred über den Verlauf des Mannschaftskampfes in Greifswald:

 

Runde 4: Greifswald – ERSTE 3,5:4,5 (Bericht von Manfred Lenhardt)

In der vierten Oberliga-Runde gelang der ERSTEN in Greifswald ein knapper, aber verdienter 4,5:3,5-Erfolg. Wie schon öfters in der näheren Vergangenheit erweisen sich Weisse-Dame-Kiebitze bei Auswärtsspielen in MeckPomm als Glücksbringer. Dieses Mal in Person von Michael, der auf dem Rückweg vom Seniorenturnier in Binz (Rügen) vorbeischaute und dabei das auf Rügen urlaubende Brett 7 mitbrachte.

Dieses Brett 7 (Manfred) war wohl noch in Urlaubsstimmung und als Erster fertig. Nach wenigen Zügen nahm es ein Remisangebot an; der gegenseitige Respekt der beiden Kontrahenten war zu groß. Es folgte die Niederlage von Martin (Brett 6), der auf eine ruhige Fortsetzung mit Ausgleich verzichtete und stattdessen mit einem (vorübergehenden) Bauernopfer den Ausgleich erreichen wollte. Das Übersehen eines Zwischenzuges kostete schließlich Material. Stand: 0,5:1,5.

Die nächsten Entscheidungen folgten in der Zeitnotphase. Ingo (Brett 5) nutzte die unkoordinierte Figurenaufstellung seines Gegners und gewann mittels einer kleinen Kombination entscheidend eine Qualität. Kai (Brett 3) hatte eine dynamische Stellung mit beidseitigen Chancen erreicht, aber viel Zeit investiert. Bei der Analyse fanden wir eine Variante mit vorteilhafter Hergabe der Dame für zwei Türme und eine Leichtfigur. Doch bei knapper Zeit war dies nicht zu finden. Eine Ungenauigkeit kostete zwei Springer und einen Bauern für einen Turm. Sein Gegner spielte präzise weiter und ließ kein Gegenspielmehr zu. Stand: 1,5:2,5.

Nach der Zeitkontrolle liefen noch die Partien von Hendrik, Achim, Heinz und Josef. Die drei Letztgenannten hatten Vorteile, aber würde es reichen? Mannschafts-Sieg, -Remis, -Niederlage – noch war alles drin.

Josef (Brett 8) hatte seinen Zeitnachteil aufgeholt und die weißen Bauernschwächen am Damenflügel zu einem Bauerngewinn genutzt (T+L+5B gegen T+S+4B). Turm, Läufer und Mehrbauer bildeten dabei ein „Knäuel“, das nicht so einfach aufzulösen war. Doch Josef hatte die richtige Idee: einen Bauern am Königsflügel hergeben und im Zentrum verbundene Freibauern bilden. Unterstützt von Turm und Läufer entstanden schnell Matt- und Umwandlungsdrohungen, während die gegnerischen Schachgebote ins Leere liefen. Heinz (Brett 4) hatte die ungewöhnliche Stellung im Mittelspiel sehr gut eingeschätzt. Seine Figuren waren koordinierter und die Drohungen nachhaltiger. Bei knapper Zeit hatte Heinz die Wahl zwischen Bauerngewinn oder Qualitätsgewinn. Im Nachhinein ist man immer schlauer: Bauerngewinn wäre die bessere Wahl gewesen. Nach dem Qualitätsgewinn kam eine Stellung zustande mit T+L+3B und passivem König (Heinz mit Schwarz) gegen 2L+4B und aktivem weißen König. Das war nicht zugewinnen und Heinz wickelte ins Remis ab. Stand: 3,0:3,0.

Ein Drama spielte sich unterdessen an Brett 2 ab. Achim beherrschte seinen Gegner auf den schwarzen Feldern und am Damenflügel (+2,00 bei gleichem Material!). Ca. 30 Züge lang war es ein Spiel auf ein Tor. Eine Unachtsamkeit ermöglichte es dem Greifswalder, zwei Bauern zu opfern und Gegenspiel mit Dame und Turm auf den offenen Diagonalen und Linien zu erhalten. Als Achim schon vom finalen Inkrement lebte (30 Sekunden pro Zug), folgte ein Fehler und einen Zug lang stand Achim auf Verlust. Doch auch der Greifswalder sah die Zugfolge nicht bzw. schätzte eine andere Variante als vielversprechend ein. Doch diese Variante lief ins Leere; Achim behielt nach Damentausch und fast sechs Stunden Spielzeit (!) entscheidend eine Qualität mehr. An Brett 1 hatte der Greifswalder mit Schwarz eine Druckstellung auf der e-Linie aufgebaut und Hendrik musste um Ausgleich kämpfen. Letztlich kam ein Turmendspiel mit je vier Bauern aufs Brett. Doch Schwarz hatte einen entfernten a-Bauern und Hendrik musste mit dem Turm seinen schwachen Bauern h2 decken. Die Analyse wird zeigen, ob Schwarz den Gewinn ausgelassen hat. Hendrik schaffte es, mit seinem König den a-Bauern aufzuhalten und die restlichen Bauern abzutauschen. Daher Remis und Mannschaftssieg mit Endstand 4,5:3,5.

Das war ein wichtiger Sieg. Mit 4:4 Mannschaftspunkten haben wir uns erstmal im Mittelfeld der Oberliga positioniert.

 

Der ehemals als Stadtgefängnis sowie als Pulverturm dienende „Fangenturm“ am Museumshafen (links) und der mächtige, knapp 100 Meter hohe Westturm des Doms St. Nikolai (rechts; abgebildet ist nur der die Dachtraufe des Hauptschiffes überragende Teil des Turms). Möglicherweise hatte sich der Fotograf zu sehr vom Namen des „Fangenturms“ leiten lassen, als er in seiner Partie zwar einen der beiden gegnerischen Türme fangen konnte, sich infolgedessen aber zugleich nahezu sein gesamter Vorteil pulverisierte; jedenfalls war sein am Ende verbliebener eigener Turm offenbar leider nicht so mächtig wie der Turm des Doms, sondern ließ sich von den gegnerischen „Bischhöfen“ gut unter Kontrolle halten. (Foto und Text: Heinz Uhl)