OLNO 2018/19 – Bericht zur 6. Runde: Kein Schildbürgerstreich!

Zum Mannschaftskampf der ERSTEN in der 6. Runde der Oberliga Nord, Staffel Ost, bei der SG Güstrow-Teterow am vergangenen Sonntag hier nun ein ausführlicher Foto-Bericht von Heinz Uhl mit Kommentaren der Spieler zu ihren eigenen Partien:

 

Schaufenster in der Güstrower Altstadt

Der auch diesmal wieder in einheitlicher Spielkleidung angetretenen Oberliga-Mannschaft der Spielgemeinschaft zwischen Vereinen aus – so die geläufigen Namenszusätze von Güstrow und Teterow – der Barlachstadt sowie der Bergringstadt waren wir in der laufenden Spielzeit bereits zuvor begegnet: Parallel zu unserem Mannschaftskampf gegen König Tegel spielte sie in der 3. Runde in der Mensa der Peter-Ustinov-Schule, da uns die Schachfreunde aufgrund eines Wasserschadens im eigenen Spiellokal darum gebeten hatten, ihr Heimspiel gegen unseren Gegner vom letzten Sonntag zusammen mit uns in unseren Räumlichkeiten austragen zu dürfen. Im direkten Duell hatten wir die Kräfte mit der SG Güstrow-Teterow zuvor jedoch noch nie gemessen. Im gesamten Landkreis Rostock schien man daher diesem schachhistorischen ersten Aufeinandertreffen schon seit geraumer Zeit mit großem Enthusiasmus entgegenzufiebern – wie zumindest eine Schaufenster-Staffage in der Güstrower Altstadt vermuten lassen konnte.

Indirekt hatten wir uns hingegen durchaus schon intensiv mit unserem Gegner auseinanderzusetzen – nämlich im Rahmen eines Protestfalles in der Oberliga Nord zum Ende der Spielzeit 2015/16: Die SG Güstrow-Teterow trug damals ihre Heimspiele noch im rund 7 km westlich der Bundesautobahn A 19 gelegenen Güstrow aus, hatte ihren Sitz laut Datenbank des Deutschen Schachbundes aber im rund 17 km östlich der Autobahn gelegenen Teterow. Gemäß Turnierordnung war bei den „Mannschaften“ aus Mecklenburg-Vorpommern nun ausgerechnet die Lage des jeweiligen „Spielorts“ in Relation zu der erwähnten Autobahn – nämlich, ob westlich oder östlich von dieser – für die Zuordnung zur Staffel Nord bzw. Ost ausschlaggebend. Entgegen dem eindeutigen Wortlaut der Turnierordnung wurde im damaligen Fall als maßgebliches Entscheidungskriterium für die Staffelzuordnung jedoch der Sitz der Spielgemeinschaft herangezogen – mit der Konsequenz, dass die SG Güstrow-Teterow in unsere Staffel Ost aufstieg und sich die ERSTE hierdurch als zusätzlicher Absteiger dieser Staffel in der Landesliga wiederfand.

Schloss Güstrow

Da wir den Mannschaftskampf trotz unserer nach Wertungszahlen eindeutigen Favoritenrolle mit voller Konzentration und dem nötigen Respekt gegenüber unserem Gegner angehen wollten, sollten unsere beiden Autofahrer Ralf und Ruprecht unmittelbar vor ihrem eigenen Spiel (auch wenn derartige Umstände bei meinem Schachverein zu Jugendzeiten, der SG 1931 Bensheim, bei Fahrten nach – im NATO-Jargon – Hessisch-Sibirien keineswegs unüblich waren) nicht bereits über zwei Stunden am Steuer gesessen haben; ohnehin gebührt den beiden ein großes Sonderlob dafür, dass sie sich dazu bereit erklärt hatten, die Strapazen einer längeren Fahrt im Anschluss an eine anstrengende Partie auf sich zu nehmen. Mithin entschieden wir uns also für eine Anreise mit Übernachtung. In Anbetracht der erwähnten Vorgeschichte erschien es dabei irgendwie angebracht, zumindest den Abend vor dem Spiel in Güstrow zu verbringen, wenn schon dieses selbst nunmehr in Teterow stattfinden sollte. Tatsächlich war die Wahl des Übernachtungsortes jedoch schlicht den örtlichen Gegebenheiten – sprich: in erster Linie dem regionalen Angebot an Hotels – geschuldet.

Nach einem kurzen Rundgang durch die Altstadt zum Schloss Güstrow, das zu den bedeutendsten Renaissancebauwerken im nördlichen Europa zählt und weitgehend noch im Originalzustand erhalten ist, ließen wir den Samstagabend beim gemeinsamen Abendessen in einem urigen Lokal gemütlich ausklingen.

Gemeinsames Abendessen

 

Nach dieser Einleitung nun zum Verlauf des Mannschaftskampfes:

Franko an Brett 8 war diesmal als erster fertig. Zu seiner Partie schreibt er selbst:

„Schon nach wenigen Zügen ärgerte ich mich mächtig über die Wahl meiner Eröffnung, da mein zumindest nach der Wertungszahl deutlich schwächerer Gegner mit Weiß eine symmetrische Bauernstellung aufs Brett stellte, wonach sich in dieser Variante üblicherweise – mehr oder weniger forciert – viele Figurenpaare abtauschen. Vielleicht hätte ich mich auf diese Vereinfachungen einlassen sollen, da man mit geduldigem Spiel ja auch in den übersichtlichsten Stellungen noch irgendwelche Chancen generieren kann. Aber diese Geduld hatte ich am vergangenen Sonntag nicht und entschied mich stattdessen im frühen Mittelspiel dafür, einen absoluten Kaffeehauszug zu spielen. Eine gänzlich falsche Entscheidung, weil ich mir sehenden Auges damit eine ganz böse Felderschwäche im Zentrum eingehandelt hatte, nur um eine Verflachung des Spiels zu vermeiden. Um die Güte dieses Zuges wissend, glaubte ich jedoch, die Dinge nachfolgend schon irgendwie kontrollieren zu können. Gradlinig und mit einfachen Zügen spielte mein Gegner just auf diese Schwäche und ich hatte fortan Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Mein Gegner bot mir dann in für ihn leicht besserer Stellung Remis an, welches ich annahm, da er ohnehin eine Stellungswiederholung hätte forcieren können.“ Zwischenstand: 0,5 : 0,5.

Teterower Rathaus

Schon kurz darauf war meine eigene Partie an Brett 5 beendet:

Bekanntermaßen leitet sich der Begriff Rathaus – auch wenn das im Ergebnis in manchem Fall so zutreffen mag – nicht von einem Haus ab, in dem man sich Rat holen kann. Andernfalls hätte ich auch meinen kleinen Sparziergang durch Teterow wohl besser noch vor dem Mannschaftskampf und nicht erst im Anschluss an meine Partie unternommen. Denn jedenfalls in der Eröffnung war ich keineswegs gut beraten: In irrigem Glauben an nachhaltigen Entwicklungsvorsprung gab ich bereits früh einen Bauern, für den ich objektiv betrachtet keine vollwertige Kompensation hatte. Offenbar sorgte das Opfer bei meinem Gegner aber für einige Verwirrung. Zumindest schien er sich in der Folge für lange Zeit an der Rochade gehindert zu sehen. Als er diese dann im 23. Zug in einer nach Computer-Bewertung noch ausgeglichenen, aber ob der vielen Drohungen im praktischen Spiel nur schwer zu verteidigenden Stellung schließlich doch noch nachholte, handelte es sich hierbei um den entscheidenden Fehler. Am Ende war somit in dieser Partie für meinen Gegner guter Rat (zu) teuer. Zwischenstand: 1,5 : 0,5.

Ingo an Brett 4 steuerte den nächsten halben Punkt zum Mannschaftserfolg bei. Eine frohe Kunde gab es hierzu bereits am Vorabend zu vermelden, als ich nach dem Betreten meines Hotelzimmers aus den dort ausliegenden Gäste-Informationen vernehmen durfte, dass sich in der Zeit von 21:00 Uhr bis 6:00 Uhr der Aufzug außer Betrieb befinden würde; schien doch hiermit – die Teilnehmer der Reise zu einem Schnellschachturnier nach Liberec in Tschechien im Jahr 2008 (siehe hierzu GARDEZ! Nr. 3/2008, S. 46 ff.) sollten über das nötige Insider-Wissen verfügen – die Gefahr unzureichenden Schlafes hinreichend gebannt.

Nach eigener Aussage spielte Ingo „eine von Beginn an scharfe Partie, in der ich gemäß Computer zwischenzeitlich etwas im Vorteil war. Wie so oft fehlte mir für den Ausbau desselben die notwendige Technik. Nach weiteren Verwicklungen waren kurz nach dem 40. Zug die allermeisten Figuren und Bauern schon wieder auf dem Weg zum Après-Schach in ihrem Holzhäuschen und die beiden Spieler reichten sich ermattet die Hände.“ Zwischenstand: 2,0 : 1,0.

Hechtbrunnen (linkes Foto) und Malchiner Tor (rechtes Foto) in Teterow

Das Tor zum ersehnten Mannschaftssieg stand schließlich weit offen, nachdem in kurzer Abfolge zunächst Hendrik an Brett 1 – wie sollte es bei einem gebürtigen Hamburger auch anders sein? – und sodann Ruprecht an Brett 3 mit ihren Siegen zwei dicke Fische an Land gezogen hatten.

Der als Kiebitz erschienene Manfred Lenhardt, auch non-playing captain a. D. und wahrscheinlich größter Fan der ERSTEN aller Zeiten, bemerkte zur Partie am Spitzenbrett, dass es doch faszinierend sei, wie Hendrik immer wieder aus seinen Stellungen auch noch das Allerletzte herauszuholen imstande sei. Übereinstimmend damit schildert Hendrik den Verlauf seiner Partie wie folgt:

„Nach ruhiger Eröffnung (Botwinnik-System im Engländer) hatte ich zunächst etwas Spiel am Damenflügel, welches sich aber nach einer forcierten Abtauschfolge samt dem ganzen Damenflügel in Luft auflöste. Nachdem ich auch dem Damentausch nicht mehr gut ausweichen konnte, entstand nach etwa drei Stunden Spielzeit eine Stellung mit jeweils einem Turm, zwei Läufern und fünf Bauern (d-h) auf jeder Seite. Bis auf etwas Raumvorteil im Zentrum (Bauern e4-d5 gegen d6-e7) und den etwas aktiveren Turm hatte ich nichts vorzuweisen, lehnte aber trotzdem auch das zweite Remisangebot meines Gegners ab. Ich wollte erstmal kein Gegenspiel zulassen, sicherstellen, dass ich zumindest nicht in Verlustgefahr gerate und dann schauen, ob sich nicht doch noch eine Chance ergibt. Es dauerte dann tatsächlich noch weitere zwei Stunden, bis meinem Gegner eine erste ernste Unaufmerksamkeit unterlief und ich unter Abtausch beider Läufer einen Bauern gewinnen konnte. Im Turmendspiel mit vier gegen drei Bauern für mich konnte mein Gegner dann keine wirksame Verteidigung mehr errichten, sodass ich schließlich nach fünfeinhalb Stunden Spielzeit den Punkt für die ERSTE einfahren konnte. Ein zähes Stück Arbeit!“ Zwischenstand: 3,0 : 1,0.

Ruprecht hatte nach eigener Aussage mit Weiß in der Sizilianischen Drachenvariante relativ lange eine ausgeglichene Partie. Er gewann schließlich einen Bauern, wofür sein Gegner allerdings eine gewisse Initiative erlangte. Bei dessen Versuch, Ruprechts König anzugreifen, stellte der Gegner dann jedoch einen Springer ein und musste sich trotz hartnäckiger Gegenwehr am Ende geschlagen geben. Zwischenstand: 4,0 : 1,0.

Keinem Geringeren als Achim an Brett 2 war es diesmal vorbehalten, Butter bei die Fische zu geben und mit einem Remis auch den zweiten Mannschaftspunkt in trockenen Tüchern zu betten. Dabei hatte ich lange Zeit den Eindruck, dass Achim seine Stellung – soweit erforderlich – in der Hoffnung auf den vollen Punkt wie schon so oft noch eine ganze Weile hätte weiter kneten können. Achim selbst beschreibt das Geschehen auf seinem Brett wie folgt:

„Mein Gegner wählte in der Eröffnung mit Weiß mehrere unmotivierte Züge, zog dafür aber sehr schnell. Diesmal schon im 12. Zug musste ich eine richtungsweisende Entscheidung treffen und fand dabei nicht den möglichen taktischen Weg zu großem Vorteil. Stattdessen erreichte ich ein lang anhaltendes, deutliches positionelles Plus, das sich jedoch im Laufe der Partie bis zu einer Remisstellung verflüchtigte.“ Zwischenstand: 4,5 : 1,5.

„Lustige“ Eier beim Frühstücksbüffet (linkes Foto) und Stadtkirche St. Peter und Paul in Teterow (rechtes Foto)

Im Anschluss daran musste sich unser bisheriger Top-Scorer Kai an Brett 6 geschlagen geben. Seine Niederlage fasst er selbstkritisch wie folgt zusammen:

„Nach der Eröffnung geriet ich in eine ob langfristig bestehender taktischer Drohungen gegen meinen lang rochierten König schwierigen Stellung. Dies kostete mich viel Zeit. Als ich mich glücklich und kaum noch erwartet endlich befreien konnte, fehlte mir diese, um in der dann wohl bereits vorteilhaften Stellung richtig fortzusetzen. Ich wähnte einen Turmgewinn durch Springergabel, übersah aber einen rasanten Gegenstoß, der mich zu falschen Entscheidungen und einer verlorenen Position führte. Nach überstandener Zeitnot sah ich mich einem verlorenen Endspiel mit zwei Minusbauern gegenüber, von denen ich überraschenderweise einen zurückgewinnen konnte. Danach hätte ich bei hoher Konzentration vielleicht noch auf weitere gegnerische Fehler spielen können, übersah aber im Endspiel mit Turm, Springer und zwei Bauern gegen Turm, Läufer und drei Bauern erst den Rückverlust des Bauern und dann noch eine Fesselung, die mich schlussendlich den verbliebenen Springer kostete. Alles in allem eine folgerichtige Niederlage gegen einen nominell deutlich schwächeren, phasenweise aber gut aufspielenden Gegner, dem zu meiner Überraschung vor allem in kritischen Momenten immer ein Comeback gelang.“ Zwischenstand: 4,5 : 2,5.

So gesellte sich zu den „lustigen“ Eiern beim Frühstückbüffet am Ende leider doch noch eines hinzu, welches nicht so sehr nach unserem Geschmack war. In Anbetracht des Mannschaftserfolges sollte man insoweit aber gerade auch bei einem Theologen die Kirche im Dorf lassen – oder im vorliegenden Fall eben auf dem Marktplatz der Kleinstadt.

Last but not least stellte Ralf an Brett 7 das Endergebnis des Mannschaftskampfes her, wobei er seinen eigenen Beitrag dazu folgendermaßen kommentierte:

„Ich spielte wie vorbereitet eine Katalanische Partie und errang nach der Eröffnung drückenden Raumvorteil. Zunächst konnte ich diesen weiterentwickeln, ohne allerdings einen Durchbruch zu finden. Dann kam ich in Zeitnot und geriet zwischenzeitlich sogar in Nachteil. Am Ende war es remis.“ Endstand: 5,0 : 3,0.

 

Fazit:

Im Gegensatz zu den Stadtvätern in der Teterower Hechtsage wussten wir unsere Angeln an der richtigen Stelle auszuwerfen. Durch einen verdienten und letztlich ungefährdeten Mannschaftssieg konnten wir ein rundum gelungenes Wochenende mit einem auch in sportlicher Hinsicht erfreulichen Abschneiden krönen. Anders als der einleitend erwähnte Protestfall entpuppte sich somit unser Ausflug zum einzigen „echten“ Auswärtsspiel der ERSTEN in dieser Spielzeit keineswegs als Schildbürgerstreich.

 


Ergänzende Informationen:

 

Barlachstadt Güstrow

Nach dem Bildhauer Ernst Barlach (18701938) führt Güstrow seit 2006 offiziell den Namenszusatz Barlachstadt (Quellen: Wikipedia sowie auf der eigenen Webseite der Stadt insbesondere das Impressum).

 

Bergringstadt Teterow

Teterow ist unter anderem durch die alljährlichen Motorradrennen zu Pfingsten auf dem Bergring (größte Grasrennbahn für Motorradsport in ganz Europa) bekannt. In Anlehnung daran verwendet die Stadt laut Wikipedia seit 2017 den Namenszusatz Bergringstadt und bezeichnet sich in Übereinstimmung damit auch auf ihrer eigenen Webseite so.

 

Teterower Hechtsage

Teterow wirbt auf seiner Webseite unter der Rubrik Tourismus damit, dass „Schildbürgerstreiche unserer Altvorderen … Teterow weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt gemacht“ hätten. Einer der bekanntesten dieser Schildbürgerstreiche liegt der Teterower Hechtsage zugrunde, die sowohl auf der Webseite der Stadt Teterow (dort in der Rubrik Hechtsage) als auch bei Wikipedia (dort unter den Begriffen Schildbürger und Teterow) beschrieben wird.

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