OLNO 2017/18 – Nachtrag zur 6. Runde: Zu viel wildes Gemetzel

… und zu wenig Sh5!

Bei einem 7,5:0,5-Kantersieg dürfte in aller Regel die Wahl der Partie nicht allzu schwer fallen, der im Rahmen der Berichterstattung besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte: dem einzigen Remis natürlich – bezogen auf den Mannschaftskampf unserer ERSTEN bei der Hochschulsportgemeinschaft Stralsund also meiner Punkteteilung am dritten Brett mit Weiß gegen Hartmut Glawe. Zum einen gebietet das schon der nötige Respekt gegenüber dem Gegner. Zum anderen würde es einer solch geschlossenen Mannschaftsleistung auch nicht gerecht werden, von den sieben Siegpartien die eine oder andere besonders hervorzuheben.

Mit Unterstützung des Schwedenkönigs Gustav Adolf hielt Stralsund im Dreißigjährigen Krieg der Belagerung durch Wallenstein stand, der diesbezüglich im gleichnamigen Drama von Schiller wie folgt zitiert wird: „Und wenn die Stadt mit sieben Ketten und Schlössern am Himmel hinge, ich werde sie doch herunter holen!“ In der Oberliga wird bekanntlich jedoch an acht Brettern gespielt und am dritten – man beachte: Wallenstein wie Weisse Dame und Weiß, Schwedenkönig wie Stralsund und Schwarz – schien die Kette von ihrer Stärke her der Ankerkette des dauerhaft im Hafen von Stralsund liegenden Segelschulschiffes Gorch Fock zu gleichen.

 

WhatsApp-Profilbild zum Mannschaftskampf in Stralsund

 

Nach zuletzt nur wenig erbaulichen Leistungen wollte ich mich diesmal mit der richtigen Motivation auf den Mannschaftskampf einstimmen. Eigens für unsere Reise nach Stralsund wählte ich aus diesem Grund als „WhatsApp“-Profilbild vorübergehend ein Motiv, welches ein Schachbrett als blutiges Schlachtfeld zeigt und den nötigen Kampfeswillen symbolisieren sollte. Seine Wirkung verfehlte es offenbar komplett: Zu viel wildes Gemetzel, das mich am Ende den nötigen Durchblick kostete – so könnte eine zutreffende Interpretation im Anschluss an die Partie lauten.

 

Heinz Uhl – Hartmut Glawe (Brett 3): Stellungen nach dem 34. Zug von Schwarz (links) und 37. Zug von Weiß (rechts)

 

In der Stellung auf dem linken Diagramm glaubte ich, die Partie mit dem Läufer für zwei Bauern nach zuvor komplizierten Verwicklungen in beiderseitig hochgradiger Zeitnot endlich unter Kontrolle zu haben. Insbesondere der schwarze Springer scheint Weiß nicht gefährlich werden zu können, ist er doch vom Königsflügel abgesperrt. Genauso überraschend wie der Schuss, der einer Legende nach ein Weinglas in Wallensteins Hand zerspringen ließ, was diesen zur Aufgabe der Belagerung Stralsunds bewogen haben soll, drang mir jedoch ein Fauxpas – oder war es ein bewusster Bluff? ­– meines Gegners durch Mark und Bein:

Nach 35.Te7 (mit 35.Lxg6! hxg6? 36.Txg6+ nebst Matt in fünf Zügen oder 35.Txg6+! hxg6 36.De6+ Tf7 37.Lxg6 Df3 38.Dxc4 +– hätte ich bereits kurzen Prozess machen können) verwirrte mich 35…Sd2?? so sehr, dass ich überhaupt nicht in Erwägung zog, den Springer mit der Dame zu schlagen. Ich registrierte nicht einmal, dass dieser ungedeckt war. Andernfalls hätte ich wohl auch erkannt, dass 36.Dxd2! den Springer sogar gewinnt und nicht lediglich zu einem Abtausch führt, weil sich 36…Dxb1? wegen 37.Dd5+ nebst Matt in drei Zügen verbietet.

Nach 36.Le4?? Sf1+ 37.Kg1 hätte dann mein Gegner in der Stellung auf dem rechten Diagramm mit 37…Db6+! 38.Kh1 Sxg3+! 39.Kh2 (natürlich nicht 39.Dxg3?? wegen 39…Tf1+ 40.Kh2 Dg1#) 39…Sf1+ 40.Kh1 Sg3+ ein Remis durch Zugwiederholung forcieren können, servierte mir jedoch mit 37…Sxg3?? noch einen Matchball, den ich ebenfalls vergab: 38.Txb7! gewinnt leicht, weil die schwarze Dame nun entweder die Deckung des Springers auf g3 oder die Kontrolle über die Diagonale a2–g8 aufgeben muss, z. B. 38…Dc4 39.Dxg3 Dxe4 40.Db3+ nebst Matt in vier Zügen. Nach 38.Ld5+??Dxd5 39.Dxg3 Dc5+ 40.De3 Dxe3+ 41.Sxe3 einigte ich mich mit meinem Gegner wenige Züge später auf ein Remis.

Schon zuvor ließ ich dreimal die Möglichkeit aus, die Partie zu meinen Gunsten zu entscheiden, nachdem ich bereits früh im Mittelspiel einen Bauern gewonnen und danach lange deutlich besser gestanden hatte – kurioserweise hätte jeweils der gleiche Zug gewonnen: Sh5!

 

Heinz Uhl – Hartmut Glawe (Brett 3): Stellungen nach dem 20. (links) und 27. (rechts) Zug von Schwarz

 

In der Stellung auf dem linken Diagramm hätte ich mit 21.Sh5!! einen durchschlagenden Königsangriff einleiten können: Nach 21…gxh5 22.Dg5+ Kh8 (22…Kf8?? 23.Dh6+ führt zu Matt in vier Zügen) 23.Df6+ Kg8 24.Lh6 Se6 gewinnt 25.Df5! f6 (25…Sf8?? 26.Dg5+ Sg6 27.Df6 nebst Matt) 26.exf6 mit der Drohung d5. Ich sah lediglich, dass ich den geopferten Springer mit 25.d5!? zurückgewinnen könnte, da 25…Lxd5? an 26.Tad1 Se7 27.Tf1! Sg6 (27…Tf8 28.Lxf8 Sxf8 29.Df3 +– bzw. 28…Txf8 29.c4 +–) 28.c4! +– scheitert. Dabei schätzte ich jedoch richtig ein, dass mein Vorteil nach 25…De7! nicht partieentscheidend sein würde. Ich wollte daher kein in seinen möglichen Folgen nur schwer berechenbares Figurenopfer riskieren, zumal ich aufgrund meines Mehrbauern auch nach der ruhigen Partiefortsetzung 21.Kh2 gut stand. Nach 21…Tcd8 wäre bei ähnlichen Varianten wie einen Zug zuvor 22.Sh5!! anstelle von 22.Df2 ebenfalls der stärkste Zug gewesen.

In bereits hoher Zeitnot fand ich in der Stellung auf dem rechten Diagramm zwar den starken Zug 28.e6!! mit der Drohung exf7+, spielte auf 28…fxe6 (28…Lxe6 29.Lf6 +–; 28…Txe6 29.Sxe6 fxe6 30.Df6 Td2+ 31.Kh1 Ld5+ 32.Le4 +–; 28…f6 29.Sd5 +– mit der Idee Dxf6; 28…f5 29.La4 Lxb1 30.Lxe8 Txe8 31.Dd2 +–) dann aber 29.Sg2? anstelle des Gewinnzuges 29.Sh5!!, weil ich zu 29…gxh5? (auf 29…Tf8 gewinnt 30.Sf6+: 30…Kf7 31.Sd5+ Ke8 32.La4+ Sc6 33.Txe6+ +– bzw. 31…Kg8 32.Se7#; 30…Kh8 31.La1 Lxb1 32.Sg4+ nebst Matt in fünf Zügen; 30…Kg7 31.La1 Lxb1 32.Sg4+ Td4 33.Tf3 +–; 30…Txf631.Dxf6 Td2+ 32.Kh1 Ld5+ 33.Le4 +–) lediglich 30.Df6?? berechnete, was daran scheitert, dass nach 30…Td2+ 31.Kh1 Ld5+ sowohl 32.Le4 als auch 32.Te4 durch 32…e5! –+ widerlegt wird. Dabei entging mir leider, dass ein sich unmittelbar an das Springeropfer anschließendes Läuferopfer zum Matt geführt hätte: 30.Lxh7+! Kxh7 31.Df7+ Kh6 32.Dg7#.