OLNO 2018/19: Murphy’s Gesetz, oder: Ende gut, alles gut

Am letzten Sonntag, den 07.04. fand die letzte Runde unserer ERSTEN in der Oberliga Nord, Staffel Ost, gegen die TSG Oberschöneweide statt. Zunächst einmal war ich bei meinem Eintreffen an der Neuen Kantstraße verwundert, dass diesmal so überaus viele Fans es offensichtlich gar nicht abwarten konnten, diesem Kampf beizuwohnen und an mir Richtung Lietzensee vorbeispurteten.

Um die ERSTE der WEISSEN DAME scheint es derzeit einen Hype zu geben: Nachdem bereits im Vorfeld zum Auswärtsspiel bei der SG Güstrow-Teterow in der 6. Runde ein Schaufenster vor Ort dazu passend ausstaffiert worden war, rannte zum entscheidenden Heimspiel in der 9. Runde kurz vor Spielbeginn nunmehr sogar eine ob ihrer Größe nicht mehr überschaubare Masse von Leuten im Wettlauf auf das Spiellokal zu kein Wunder, mag man denken, wenn aufgrund der begrenzten Kapazitäten in den Räumlichkeiten der Peter-Ustinov-Schule nur ein kleiner Bruchteil von ihnen Einlass als Zuschauer finden kann. (Foto und Text: Heinz Uhl)

Im „Rückblick“ klärt sich aber manches auf … (Foto und Text: Heinz Uhl)

Klar, große Spannung war angesagt. Schließlich ging es ums Ganze, sie oder wir, hopp oder top im Abstiegskampf! An der Trendelenburgstraße angekommen jedoch Ernüchterung – wieder keine Stadionatmosphäre bei einem Schachwettkampf … Die vermeintlichen Fans erwiesen sich denn, im wahrsten Sinne des Wortes, doch nur als Laufkundschaft – dem Halbmarathon sei’s gedankt.

Als bekanntermaßen alter SkeptiKai habe ich natürlich auch schon wieder mit dem Schlimmsten gerechnet, zumal ich Murphys Gesetz („was schief gehen kann, das geht auch schief“) einiges abgewinnen kann. Und hatte sich nicht alles wieder in diese Richtung bewegt, wie damals schon einmal, als wir zum Jahreswechsel noch geteilter Tabellenzweiter waren und dann nach Verlust aller weiteren Kämpfe kläglich abstiegen? Sind wir nicht diesmal kurz vor Schluss auch schon wieder in Abstiegsgefahr geraten und mussten schon mit Dank zur Kenntnis nehmen, dass es doch „nur“ 3  Absteiger sein würden?! Na und der Kampf davor gegen den gleichwohl deutlich ersatzgeschwächten Tabellenführer Schachfreunde III war alles andere als eine Verheißung – mit dem 3:5 waren wir noch gut bedient und es war sicherlich unsere schwächste Saisonleistung.

Die Last von Murphys Gesetz hatte sich jedenfalls auf meinen Schultern breit gemacht. Und einen Alptraum, wonach ich mit Sh5 die Partie einzügig einstellen würde, hatte ich auch noch! Mir wurde von meinen Mitspielern schon vorgeschlagen, es doch mal mit der Aljechin-Verteidigung zu versuchen, um diesen Springer schnell in Sicherheit zu bringen, doch dazu ließ es mein Gegner mangels 1. e4 dann nicht kommen. Ich jedenfalls bleischwer zum Kampf und immer nur „bloß kein 6:2“ vor mich hin gebrabbelt. Beste Voraussetzungen also für eine selbsterfüllende Prophezeiung. Diese geschah auch, allerdings andersrum: statt wie befürchtet 6:2 zu verlieren, was den Abstieg bedeutet hätte, gewannen wir mit diesem Ergebnis! Ich würde auch so weit gehen zu sagen, dass dies unsere beste Saisonleistung war und dass der Sieg auch noch höher hätte ausfallen können.

Und was heißt das nun also für Murphys Gesetz – war das sozusagen der empirische KO-Schlag? Mitnichten, liebe*r Lesende*r. In diesem Fall war Murphys Gesetz eher für unseren bedauernswerten Gegner bestimmt (und da man nach einem aristotelischen Grundsatz nicht gleichzeitig an zwei Orten sein kann, musste Murphys Gesetz also eine Wahl treffen, wo es zu wirken gedenkt). Deren Saison schien bereits seit einiger Zeit nicht gerade optimal verlaufen zu sein, sodass man dort vor diesem Kampf schon irgendwie mit dem Rücken zur Wand stand. Und mit diesem spielt es sich mitunter energisch und befreit, mitunter aber auch mit dem Gegenteil davon. Und das schien an diesem denkwürdigen Sonntag der Fall gewesen zu sein. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass bei unseren Rivalen niemand ein Risiko eingehen wollte zu verlieren und dass somit an vielen Brettern aus einer gewissen Passivität heraus auf Konterchancen gewartet wurde. So etwas kann ja auch klappen – in diesem Fall  konnten wir das aber verhindern, indem wir selber erstaunlich frisch aufspielten und uns damit den Sieg auch verdienten.

  SC Weisse Dame   6 2   TSG Oberschöneweide  
1 FM 2297 GER Hendrik Möller   1 : 0   Dirk Rosenthal GER 2396 FM 1
2   2271 GER Hans-Joachim Waldmann   1 : 0   Matthias Schöwel GER 2227   2
5   2196 GER Dr. Ingo Abraham   1 : 0   Sven Horn GER 2092   3
6   2151 GER Heinz Uhl   0 : 1   Reinhard Postler GER 2247 FM 4
7   2165 GER Kai-Gerrit Venske   1 : 0   Roland Boewer GER 2170   5
10   2159 GER Franko Mahn   ½ : ½   Jens Wiedersich GER 2093   6
11     GER Alexander Kysucan   1 : 0   Wilhelm Jauk GER 2169   7
14   2163 GER Thorsten Groß   ½ : ½   Rambald Bellmann GER 2085   8

Hendrik an Brett 1 krönte seinen fulminanten Saisonendspurt mit einem Sieg gegen FM Dirk Rosenthal. Letzterer war eröffnungstechnisch zunächst gut vorbereitet. Nachdem Hendrik einen Bauern geben musste, konnte er jedoch reichlich Gegenspiel entwickeln und gewann dann auch bald souverän. Nach dem beeindruckenden Finale bei den Schachfreunden also noch ein wunderbarer Sieg von ihm. Achim – eine Runde zuvor noch völlig außer Rand und Band wirkend – spielte an Brett 2 gegen Matthias Schöwels anspruchslosen und passiven Aufbau mit großer Energie und Konsequenz und wurde dafür belohnt. Und da die Regel besagt, dass wir erfolgreich sind, wenn Achim es ist, konnte nicht mehr viel schiefgehen. An Brett 3 warteten wir anstelle von Ruprecht, der bei den Schachfreunden umzugsbedingt leider seinen letzten Kampf für uns absolvierte, mit Ingo Abraham auf. Dieser agierte ebenfalls konsequent gegen einen ebenfalls viel zu passiv aufspielenden Sven Horn und gewann ebenso verdient. An Brett 4 war es Altmeister Reinhard Postler vergönnt, gegen unseren frischgebackenen Clubmeister Heinz Uhl den einzigen Sieg für den Gegner einzufahren. Heinz hatte die Partie zu zweischneidig angelegt und wurde dann gekonnt und erfolgreich ausgekontert.

Ich selbst konnte an Brett 5 spielend gegen R. Boewer einen Königsangriff inszenieren. Die strategische Vorbereitung hatte mich viel Zeit gekostet, sodass ich bei seiner suboptimalen Verteidigung verschiedene KO-Schläge ausließ, die ich mir sonst vielleicht nicht hätte entgehen lassen. Nach einer unerwarteten Riposte verhielt ich mich schließlich zu passiv, verlor einen Bauern und hätte sogar in Nachteil geraten können. Bei beiderseitiger Zeitnot übersah ich zwar zunächst einen erneuten KO-Schlag, fand dann aber später einen hübschen und überraschenden taktischen Einschlag, der mir Materialvorteil bescherte und dann am Ende – als Ausklang des Kampfes – in einem gut durchzurechnenden Endspiel mit Mehrläufer, in das ich schließlich abgewickelt hatte, den vollen Punkt. Ein Ruhmesblatt sieht sicher anders aus, spannend war es aber allemal. Und es ist doch schön, wenn man als Captain das erste und das letzte Wort in einer erfolgreichen Saison hat – nämlich mit dem Auftaktsieg gegen Empor und Schlusssieg gegen O-weide.  Franko an Brett 6 spielte mit einem Zentrum gegen eine grünfeld-artige Struktur und hatte bis kurz vor Partieende Vorteil. Nachdem sein sich geschickt verteidigender Gegner Jens Wiedersich diesen neutralisieren konnte, willigte Franko in das Remis ein. An Brett 7 konnte Alexander (der erstmalig zum Einsatz kam, da Ralf sich u.a. aufgrund zeitlicher Probleme, aber auch angesichts einer temporären Formschwäche gegen einen Einsatz entschieden hatte) gegen den bis dahin erfolgreichsten gegnerischen Spieler Wilhelm Jauk, der ebenfalls sehr zurückhaltend agierte, aktiv aufbauen. Schließlich konnte er die Bauernmajorität (3 gegen 2 Bauern) am Damenflügel erfolgreich verwerten. Unser Großer Vorsitzender an Brett 8 gewann gegen Rambald Bellmann zwischenzeitlich eine ganze Figur. Das hatte ich innerlich bereits als 1:0 für uns abgebucht. Doch es kam anders: Nachdem Thorsten unterschätzte, dass sein Läufer auf e7 eingeklemmt wurde, kam sein Gegner noch einmal ins Spiel zurück. Die Partie endete schließlich Remis – 6:2 also für uns und damit am Ende sogar noch – wie schon im Vorjahr – Platz 4. Für unseren Gegner, der Drittletzter wurde, bedeutet dies aller Voraussicht nach den – wenn ich das richtig überblicke – erstmaligen Abstieg aus der Oberliga, sofern der Aufsteiger aus Vorpommern sein Aufstiegsrecht wahrnimmt.

  Mannschaft 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Sp MP BP BW
1. SF Berlin III  +  3 5 5 6 6 9 16 47 205
2. SC Empor Potsdam 5  +  5 5 4 5 4 4 5 9 15 41½ 185
3. SC Kreuzberg 3  +  5 5 7 5 9 12 41 186½
4. SC Weisse Dame 3 3  +  5 6 6 5 9 10 38½ 167
5. SV Empor Berlin 3 4  +  3 4 9 10 35½ 170½
6. SK König Tegel II 3 3 3 5  +  4 4 7 7 9 8 38½ 167½
7. Greifswalder SV 4 4  +  3 5 9 8 34½ 162
8. TSG Oberschöneweide 2 4 3 2 4 5  +  3 9 6 31 135½
9. TuS Makkabi Berlin 2 1 2 1 3 5  +  5 9 4 26 135½
10. SG Güstrow-Teterow 3 3 3 4 1 3  +  9 1 26½ 105½

Als scheidender Captain darf ich jedoch auf drei wirklich erfreuliche und erfolgreiche letzte Saisons zurückblicken, bei denen sogar mal kurzzeitig der Blick nach oben möglich zu sein schien. Dass so etwas nicht gänzlich irreal  ist, zeigt der Überraschungscoup von Empor Potsdam, die jetzt als Zweitplatzierter in die 2. Bundesliga aufsteigen – herzlichen Glückwunsch!.

Zunächst einmal nach unglücklichem Abstieg, gefolgt von dem wahnsinnigen Wiederaufstieg mit der V-Strategie, dann eine tolle Saison im letzten Jahr und jetzt diese Saison quasi noch einmal als Bestätigung, dass wir wirklich Potential haben. Anders als in der Vorsaison verstärkte uns diesmal Rückkehrer Ruprecht Pfeffer, der uns aber nun gleichzeitig schon wieder verlassen muss. Wie schade – aber alles Gute für dich in der neuen Kölner Heimat! Mit seinen 3,5/7 an Brett 3 war er definitiv eine solide und kaum gleichwertig  zu ersetzende Verstärkung. Auch Franko, der nach einer längeren Pause erstmals wieder die Mannschaft als Stammspieler verstärkte, erwies sich als große Bereicherung. Mit 5,5/8 (plus einem weiteren Sieg in der ZWEITEN) wurde er zudem unser bester Mannschaftsspieler. Punktemäßig lagen aber alle ziemlich dicht beieinander. Hendrik nach traditionell eher weniger gutem Start dann mit Aufholjagd und am Ende 4,5/8, bei Achim und bei mir waren es jeweils 5/9, bei Heinz 4,5/9, bei Ingo 4/9. Nur Ralf wird mit seinen 2/7 sicherlich etwas hadern – es lief bei ihm jedenfalls schlechter als noch im Vorjahr, was bekanntlich immer einmal geschehen kann und jedem von uns bereits widerfahren ist. Einmal mehr hatten wir eine tolle Reservebank- Kay an Brett 3 holte einen Punkt aus zwei Partien und hinten räumten Thorsten mit 2,5/3 und Alexander mit 1/1 ordentlich ab.

  Spieler SV Nat Elo Tit DWZ 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Pkt Par
1 Hendrik Möller   GER 2297 FM 2234 0   ½ 0 1 1 0 1 1 8
2 Hans-Joachim Waldmann   GER 2271   2264 1 0 1 1 0 ½ ½ 0 1 5 9
3 Kay Hansen   AUT 2145   2128     1       0     1 2
4 Ruprecht Pfeffer   GER 2239   2203 1 0 ½ 1 0 1   0   7
5 Dr. Ingo Abraham   GER 2196   2090 0 0 1 ½ 0 ½ 1 0 1 4 9
6 Heinz Uhl   GER 2151   2120 ½ 0 1 ½ 0 1 ½ 1 0 9
7 Kai-Gerrit Venske   GER 2165   2129 1 ½ 0 1 1 0 ½ 0 1 5 9
8 Ralf Mohrmann   GER 2042   2066 0 0   1 ½ ½ 0 0   2 7
10 Franko Mahn   GER 2159   2074 1 1 0   ½ ½ 1 1 ½ 8
11 Alexander Kysucan   GER     2076                 1 1 1
14 Thorsten Groß   GER 2163   2036   1   1         ½ 3

Unsere Leistung wird vielleicht auch noch deutlicher, wenn wir sehen, dass verschiedene Mannschaften sehr stark aufgestellt waren – u.a. traten Empor Berlin, Oberschöneweide (gegen die wir beide gewinnen konnten) und Potsdam  mit ihrer Stammaufstellung an, auch Kreuzberg und Greifswald waren gegen uns sehr stark besetzt. Allerdings waren Tegel II und Schachfreunde III und auch Teterow schwächer besetzt als sonst – das muss man ausgleichend mit dazu sehen, auch wenn uns das wie im Falle der Schachfreunde (Glückwunsch an diese zum Staffelsieg, auch wenn ihnen der Aufstieg wegen ihrer bereits in der 2. Bundesliga verweilenden Zweiten verwehrt ist) gar nicht immer genützt hat.

Dass es gut lief, hat vor allem mit dem super Start gegen Empor Berlin (4,5:3,5) zu tun gehabt und vor allem auch, dass es uns in Runde 3 überraschend gelungen war, gegen Tegel II mit 5:3 nachzulegen und dann in Runde 4 mit 6:2 unserer Favoritenrolle gegen den späteren Absteiger Makkabi gerecht zu werden.

Wirklich schade, dass Hendrik ausgerechnet gegen Kreuzberg (2,5:5,5) fehlte, da er Nam bei der WM in Santiago de Compostela betreute. Vielleicht hätte die Saison sogar einen noch positiveren Verlauf nehmen können? Spätestens gegen Potsdam waren die Träume dann aber doch soweit ausgeträumt, das 3:5 ging sicherlich in Ordnung. Das gilt auch für den Kampf gegen Greifswald zwei Runden später, den wir ebenfalls verloren haben, wenn auch nur mit 3,5:4,5. Schade auch, dass Ruprecht uns da fehlte. Und bloß gut, dass wir zuvor bei Güstrow-Teterow mit 5:3 gepunktet hatten. Kaum zu glauben, dass es dann doch noch mal knapp wurde, nachdem wir nicht nur gegen Greifswald, sondern auch noch – ebenfalls durchaus im Erwartungsbereich – gegen Schachfreunde III mit 3:5 verloren hatten. Umso wichtiger für die Mentalität – auch mit Blick auf die kommende Saison –  schließlich der Schlussrundenerfolg gegen die TSG.

Alles in allem sind wir also immer so ziemlich zu allem fähig, wobei wir unsere Fähigkeit, gegen deutlich schwächere Mannschaften zu verlieren, diesmal nicht unter Beweis gestellt haben. Der Zusammenhalt war traditionell wieder gut und durch das erneute Rotationsprinzip bei Vor-und Nachbereiten der Wettkämpfe wurde es mir einmal mehr angenehm leicht gemacht, meiner Rolle als Captain nachzukommen. Nun heißt es aber für mich, erst mal wieder die Kapitänsbrücke zu verlassen und das Steuer an einen (noch zu bestimmenden) Nachfolger zu übergeben.

Ich danke meiner Mannschaft und den treuen Fans für – einmal mehr – vier wirklich angenehme und bewegte Jahre! Vier Jahre, in denen wir zunächst sogar sehr unglücklich abgestiegen waren, uns dann aber furios wieder zurückgemeldet hatten. Oder wie es das Zweite Murphysche Gesetz besagt, das allen Zweifeln*den (auch SkeptiKais) ins Stammbuch geschrieben sei: DIE WEISSE DAME WIRD NICHT UNTERGEH’N!!! (dies auch noch als Zusammenfassung des Orakels von Friedenau für die kommende Saison)

Ihr und euer Captain Kai

Die ERSTE plus Schlachtenbummler beim Après-Schach nach der 9. Runde. (Foto: Robert Radke)

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